Frankfurter Forscher fordert: Europa braucht eine eigene Blockchain-Initiative

19 February 2018

Seit einigen Jahren elektrisiert das Thema Blockchain bzw. die Distributed Ledger Technologie (DLT) vor allem die Finanzindustrie, da man sich von dieser neuen Technologie enorme Einsparungen bei der Abwicklung von Transaktionen jeglicher Art erhofft.

Professor Dr. Volker Brühl, Geschäftsführer des Center for Financial Studies, beschäftigt sich intensiv mit den möglichen Folgen dieser neuen Technologie für den Finanzsektor und warnt davor, dass Europas Banken hier den Anschluss an diese neue Technologie verlieren könnten.

„Die europäischen Banken haben seit Jahren ein massives Kostenproblem. Sie investieren zwar alle in die Digitalisierung, aber die Blockchain-Technologie spielt bei den meisten europäischen Banken nur eine untergeordnete Rolle“, erläutert Professor Brühl.

Vereinfacht gesagt, versteht man unter einem Distributed Ledger eine Transaktionsdatenbank, in der Transaktionen in einem dezentralen Rechnernetzwerk (sog. Peer-to-Peer-Netzwerk) nahezu in Echtzeit durchgeführt und synchronisiert werden. Eine Fälschung von einmal durchgeführten Transaktionen ist dadurch so gut wie ausgeschlossen. Werden die jeweiligen Transaktionen zu Blöcken zusammengefasst und miteinander verknüpft, spricht man von einer Blockchain.

Ursprünglich wurde diese Technologie vor etwa 10 Jahren für die Kryptowährung Bitcoin entwickelt. Diese bietet jedoch jenseits von Kryptowährungen vielfältige Anwendungsmöglichkeiten. Im Finanzsektor kann diese Technologie zur vereinfachten und kostengünstigeren Abwicklung von Überweisungen, Wertpapiergeschäften, aber auch von komplexen Finanzprodukten wie Syndizierten Krediten oder Handelsfinanzierungen eingesetzt werden. Kein Wunder, dass sich seit einigen Jahren nicht nur zahlreiche Startups mit der Blockchain-Technologie beschäftigen, sondern auch etablierte Anbieter im Banken- und Versicherungssektor.

„Die Blockchain-Technologie bietet letztlich die Möglichkeit zur Entwicklung einer Plattform, deren Potenzial umso besser ausgeschöpft werden kann, je mehr Finanzinstitute diese zur Abwicklung von möglichst vielen Produkten nutzen“, so Brühl. „Daher ist es sinnvoll, wenn sich Konsortien von Technologieunternehmen und Finanzdienstleistern um die Entwicklung einer gemeinsamen Plattform mit entsprechenden Standards und Schnittstellen bemühen. Aber leider fehlt es hier an einer europäischen Initiative.“

Tatsächlich konkurrieren derzeit vier Konsortien aus Finanzdienstleistern und Technologiefirmen um die Marktführerschaft und damit die Etablierung entsprechender Standards, die alle von US-Unternehmen dominiert werden. Dazu gehört das im Jahr 2015 gegründete Konsortium R3, welches die sog. Corda-Plattform betreibt und mehr als 100 Mitgliedsunternehmen umfasst, darunter über 40 Großbanken. R3 verfügt außerdem seit Kurzem über eine Kooperation mit Amazon Web Services und der Cloud Computing Plattform Azure von Microsoft. Allerdings haben mit Goldman Sachs, JP Morgan, Santander und Morgan Stanley prominente Branchenvertreter das Konsortium wieder verlassen.

Daneben gibt es die im letzten Jahr gegründete Enterprise Ethereum Alliance mit mehr als 150 Mitgliedern, die auf der Ethereum-Plattform branchenspezifische Distributed Ledger- und Smart Contract-Lösungen entwickelt. Schließlich sind noch das Hyperledger-Projekt zu erwähnen, das von der Linux Foundation vorangetrieben wird und eine Plattform für unterschiedliche Open-Source-Blockchain-Lösungen darstellt, sowie Digital Asset, die eine Distributed Ledger-Plattform für den Finanzdienstleistungssektor konzipiert. Wesentliche Partner sind Goldman Sachs, Citigroup, JP Morgan, Deutsche Börse und IBM. Obwohl an sämtlichen Initiativen auch deutsche und europäische Unternehmen beteiligt sind, treiben vor allem US-Unternehmen die technologische Entwicklung voran. Hierzulande beschäftigt sich inzwischen auch SAP mit der Entwicklung von Blockchain-Lösungen und hat dazu ein eigenes Partnerprogramm aufgesetzt.

Die Distributed Ledger Technologie hat das Potenzial, vor allem die Finanzindustrie zu revolutionieren. Welche Plattformen sich durchsetzen, ist heute noch nicht absehbar. Vermutlich wird es mittelfristig eine niedrige einstellige Zahl von Distributed Ledger Plattformen geben, die untereinander vernetzt sein müssen.

Europa würde von einer eigenen Initiative zur Entwicklung einer gemeinsamen Distributed Ledger- bzw. Blockchain-Plattform für den Finanzsektor profitieren. Denn falls es gelingt, ein offenes System mit hoher Skalierbarkeit zu entwickeln, das mit Hilfe von Smart Contracts auch komplizierte Finanzprodukte abwickeln kann, würde man nicht nur die Kostenstruktur der einzelnen Institute deutlich entlasten, sondern auch den Aufsichtsbehörden Daten in Echtzeit übermitteln können. Dadurch würden Effizienz und Effektivität der Aufsicht gleichermaßen erhöht, da systemische Risiken so viel früher erkannt werden könnten.

In diesem Sinne könnte sich eine gemeinsame europäische Distributed Ledger Plattform als Basistechnologie zum neuen „Betriebssystem“ für den europäischen Finanzsektor entwickeln. Diese hätte faktisch den Charakter eines „Public Utility“ und müsste entsprechend reguliert werden, um einen diskriminierungsfreien Zugang für alle Nutzer und eine faire Erhebung von Entgelten sicherzustellen. Der eigentliche Wettbewerb zwischen den Finanzinstituten würde sich dann auf der Ebene der Anwendungen, d.h. den jeweiligen Finanzprodukten bzw. –dienstleistungen vollziehen, die auf dieser Plattform abgewickelt werden können.

Voraussetzung wäre, dass sich die europäische Finanzwirtschaft auf die Entwicklung einer gemeinsamen Distributed Ledger Plattform einigt. „Hier ist auch die Politik gefragt, entsprechende Impulse zu geben. Denn eine solche Plattform wäre ein wichtiger Baustein der digitalen Infrastruktur in Deutschland und Europa“, so Brühl.

Ein solch konzertiertes europäisches Vorgehen würde zu einer Reduzierung des erforderlichen Investitionsvolumens beitragen und ein europäisches Standbein in einer zukünftigen Schlüsseltechnologie etablieren.

Brühl führt weiter aus: „Noch befinden wir uns zwar am Anfang dieses Technologiezyklus, aber es besteht Handlungsbedarf. Andernfalls dürfte die Technologieführerschaft mal wieder in den USA landen.“

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Kontakt:
Sabine Kimmel
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